Die Kunst, sich in der Ferne nah zu sein

Oder: Warum niemand auf die Deutsche Bahn angewiesen sein sollte

Vor ein paar Wochen bin ich seit langem einmal wieder mit dem Zug gefahren. Ich habe die ruckelige Tour mit der steinalten Regionalbahn genossen. Auch die fehlende Klimaanlage bei ca. 30 Grad und der akute Platzmangel dank voluminöser Sitznachbarn machte mir nichts aus. Ich muss an dieser Stelle einfach mal betonen: Ich fahre gern Zug.

In der Tat war ich bis vor einem halben Jahr eine der besten Kundinnen der Deutschen Bahn. Ich blieb ihr treu, als sie gestreikt hat. Ich blieb ihr treu, als sie im Winter liegen blieb und wir irgendwo im Nirgendwo auf einen Ersatz-Zug warten mussten. Ich blieb ihr einfach immer treu – was wahrscheinlich daran liegt, dass ich noch nie ein Auto besessen habe und – nennen wir es wie es ist – von der Bahn abhängig war. Aber mal ganz davon abgesehen liebe ich das Zug fahren wirklich, weil man dabei so viel erlebt. Nach jeder Zugfahrt konnte ich meinen Freunden und der Familie eine neue, witzige Story erzählen. Merkwürdige Mitfahrer, fragwürdige Durchsagen, komische Szenen, die sich auf den Gleisen abspielten… Erst neulich – auf meiner letzten Zugfahrt – habe ich ein Pärchen am Bahnsteig beobachtet, das sich scheinbar so dolle beim Knutschen mit den Zahnspangen verhakt hatte, dass er es beinahe nicht mehr rechtzeitig in den Zug geschafft hat. Dieser Moment hat mich ungemein erheitert, erinnerte mich aber auch daran, warum ich früher so oft mit dem Zug unterwegs war: Ich hatte eine dieser bemitleidenswerten Fernbeziehungen, von denen man immer mal wieder hört.

Von (anderen) glücklichen Paaren und der entgangenen Chance, sich Schuhe zu kaufen

Es ist so, dass ich mich selbst tatsächlich als Fernbeziehungs-Expertin bezeichnen würde. Faktisch betrachtet hatte ich in meinem Leben mehr Fern- als äh… Nahbeziehungen… oder so. Dass ich nie ein Freund dieser Lebensform war, bescheinigt, dass ich vor einem halben Jahr zu meinem Freund gezogen bin.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Nichts, absolut nichts ist schön an Fernbeziehungen. Es ist zum Kotzen, jeden Abend zu telefonieren, es ist zum Durchdrehen, sich immer und immer wieder verabschieden zu müssen und es macht keinen Spaß, keinen Sex haben zu können, wenn einem danach ist.

 

„Da freut man sich immer wieder auf den anderen.“ – WÜRG

 

Die angeblichen Vorteile von Fernbeziehungen, die immer wieder von Pseudo-Anhängern propagiert werden – man denke nur an so Sätze wie „Da freut man sich immer wieder auf den anderen.“ oder „Ist doch toll, da hat jeder so viele Freiräume.“ sind Bullshit und können nur von Leuten stammen, die noch nie eine Fernbeziehung geführt haben. Natürlich ist es toll, wenn man sich jeden Freitag wie verrückt auf den Liebsten freut – und schon eine Sekunde nach seiner Ankunft weiß, dass die Uhr ab jetzt unaufhaltsam rückwärts läuft. Und natürlich ist es unersetzbar, abends um die Häuser zu ziehen… mit Freunden… die frisch verliebt sind… und das auch ganz demonstrativ nach außen hin zeigen… und dir damit mehr als deutlich machen, dass du ein armes, einsames Würstchen bist.

Ein anderer Punkt sind die Kosten. Ja, okay, das ist jetzt total unromantisch und irgendwie auch nebensächlich, wenn man sich liebt und bla, aber habt ihr eine Ahnung, wie sehr so eine Fernbeziehung ins Geld geht – egal, ob ihr mit dem Auto oder dem Zug unterwegs seid? Immer wenn ich mir heute überlege, wie viele Paar Schuhe ich mir für das Geld hätte kaufen können, füllen sich meine Augen mit Tränen und ich schüttele verständnislos, ja beinahe schon dezent verstört den Kopf.

Nicht für die Distanz gemacht

Das alles soll jetzt keinesfalls verbittert klingen. Ich gebe zu, dass ich mir selbst lange Zeit eingeredet habe, dass Fernbeziehungen eine tolle Sache sind. Das heißt: Aus jetziger Sicht weiß ich, dass ich es mir eingeredet habe. Damals war ich echt überzeugt von meiner Einstellung (typischer Anfänger-Fehler).

Ich habe im Moment exakt ein Paar in meinem engen Freundeskreis, das eine Fernbeziehung führt – und wahnsinnig darunter leidet. Mir fällt spontan niemand ein, der gern mit den beiden tauschen würde. Ihre Situation ist auch recht verfahren: Er baut derzeit bei sich zu Hause aus und sie hat im letzten Jahr eine Ausbildung begonnen. Die beiden trennen 350 Kilometer und sich jedes Wochenende zu sehen, ist derzeit nicht möglich. Eine Besserung der Situation? Frühestens in zwei Jahren in Sicht.

Liebe-Fernbeziehung_public-Ich frage mich, wenn ich über solche Situationen nachdenke: Warum machen wir das? Warum lassen wir uns auf eine Beziehung ein, die eigentlich sowieso von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist? Ist sie das überhaupt? Vielleicht kann eine Beziehung nicht nur geografische sondern auch zeitliche Hürden meistern – wenn man es nur richtig will. Und genau an diesem Punkt fällt es mir wieder ein, dieses kleine Wörtchen, das des Rätsels Lösung ist: Es ist die Liebe, die uns in so dämliche Lagen wie eine Fernbeziehung bringt und uns einredet, dass wir das schon irgendwie schaffen.

In meinem Fall war die Liebe nie stark genug, um eine Fernbeziehung aufrecht zu erhalten. Nur ein einziges Mal hatte ich den Wunsch, aus der Ferne wirkliche, echte Nähe zu machen – in diesem Fall kann man wohl sagen, dass die Liebe zu stark war, um eine Fernbeziehung zu dulden. Genauso sollte es meiner Meinung nach sein.

Statt allabendlich Liebesbotschaften in den Telefonhörer zu säuseln und Zugtickets zu kaufen, sollte man der Fernbeziehung den Kampf ansagen und ihr ein „Nicht mit mir!“ entgegenbrüllen. Wir sind einfach nicht dafür gemacht, immer wieder voneinander getrennt zu werden und stetig die Minuten der gemeinsamen Zeit zu zählen. Auch sollte niemand auf die Deutsche Bahn (oder Skype) angewiesen sein, um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen.

An alle Pendler aus Liebe: Versucht es zu ändern!

Mein Rat an alle Pendler aus Liebe: Versucht es zu ändern. Auch wenn es einen Umzug, eine Kündigung oder andere unbequeme Situationen mit sich bringt. Die gemeinsame Zeit mit eurem Partner wird all das entschädigen und oft ist ein Neuanfang doch das Beste, was einem passieren kann.

Ich jedenfalls habe der Zeit, in denen ich in einer Fernbeziehung gelebt habe, noch nicht einmal nachgetrauert. Auch nicht, als ich das ineinander verkeilte Paar auf dem Bahnsteig gesehen hab. Wenn ich jetzt noch einmal darüber nachdenke, dann waren sie eigentlich auch viel zu alt, um beide eine Zahnspange zu tragen… Da war wohl echter Herzschmerz im Spiel.

 

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Kolumne „Feels like Liebe“
von unserer Gastautorin
Jessika Fichtel | „Feels like Erfurt“