Die Schrecken des Zusammenziehens

Oder: A Man’s Home is his Castle – until the Queen arrives

Vor einem halben Jahr bin ich in die Wohnung meines Freundes eingezogen. In dieser Zeit haben wir uns erst einmal gestritten – oder etwas in der Art gemacht. Es ging um unsere Balkonbepflanzung und die Frage, ob wir drei oder besser nur zwei Erdbeerpflanzen in den Kasten setzen sollen. Wenn ich darüber nachdenke (also über unsere Streit-Quote, nicht über die Erdbeeren), frage ich mich, ob wir das perfekte, von Gott höchstpersönlich auf diese Erde geschickte Paar oder einfach nur unnormal sind.

Ich gebe neidlos zu: Es liegt wohl eher nicht an mir, dass wir uns so selten streiten. Ich schiebe es auf die unglaubliche Gabe meines Freundes, all meine Querelen, sinnlosen Handlungen und unlogischen Ansichten zu ignorieren. In meiner romantischen Vorstellung sind wir wie eine überzogene Form des Yin und Yang mit Geschlechtsteilen: Er ausgeglichen und in sich ruhend, ich (charmant ausgedrückt) temperamentvoll und ganz und gar nicht im Einklang mit der Welt um mich herum.

Aber zurück zu meinem Einzug: Ich habe den Wohnort aus Liebe gewechselt. Aus Liebe zu meinem Partner und auch aus Liebe zu meiner Familie (die wohnt nämlich nicht weit weg von hier). Außerdem traf es sich gut, dass mein Studium dem Ende entgegen ging und sich ein Tapetenwechsel in meinem Leben anbot. Es war die beste Entscheidung seit langem, zum Freund zu ziehen, auch wenn ich mir vorher schon meine Gedanken gemacht habe. Es ist nämlich so, dass wir bis dato beide Zusammenzieh-Jungfrauen und gerade einmal neun Monate ein Paar waren. Auch wenn es mir niemand ins Gesicht gesagt hat, dachten sicher einige meiner Freunde und Familienmitglieder, dass ich mich für den Beziehungs-Harakiri entschieden habe (ich selbst habe daran vielleicht auch eins, zweimal gedacht). Doch statt ritueller Selbsttötung wurde unser Projekt Zusammenziehen zur chinesischen Harmonielehre.

Das in Stein gemeißelte Gesetz des Zusammenziehens

Das Problem an der ganzen Sache: Man macht sich selbst fertig. Erst letztens schrieb mir eine Freundin und fragte, wie das Zusammenleben so ist. Ich berichtete ihr wahrheitsgemäß von meinem Himmel auf Erden (ließ den Erdbeer-Gate jedoch außen vor) und schien ihr damit tatsächlich ein bisschen die Furcht genommen zu haben (Sie schrieb so etwas ähnliches wie: „Also ist es gar nicht so schlimm, wie alle immer sagen?“).

 

„Alles halb so schlimm?“

 

Womit wir bei einem ganz wesentlichen Punkt wären: Wenn alle etwas sagen, ist es dann automatisch Gesetz? Alle sagen, man sollte frühestens nach einem Jahr Beziehung zusammenziehen und sofort wird dieser Erlass in Stein gemeißelt? Alle sagen, dass das Zusammenleben von Mann und Frau unabwendbar Stress bedeutet und sofort gehen alle zwanghaft auf die Suche nach Streitthemen und Meinungsverschiedenheiten?

Ich sage: So ein Unsinn! Zwar hätte ich selbst nie gedacht, dass ich mal der lebende Gegenbeweis für alle gängigen Zusammenzieh-Klischees bin, aber … ich bin es einfach! :D
Was ich mit dieser Aussage erreichen will, ist nicht, dass mich andere Leute um mein Glück beneiden, sondern dass alle, die darüber nachdenken, mit ihrem Partner zusammenzuziehen, sich nicht von diesem allgemeinen Gelaber beeinflussen zu lassen. Wie wäre es, wenn ihr stattdessen einfach eure eigenen Regeln aufstellt? Es gibt so viele alternative Wohnprojekte in den großen Städten unseres Landes, warum kann nicht auch eine Beziehung ein solches sein?

Nasszellen-Territorialpolitik und andere Machtspielchen

Ich kenne ein Paar, das drei Jahre in zwei Wohnungen gelebt hat, die direkt übereinander lagen. Ich habe die beiden immer sehr um diese Wohnsituation beneidet, weil es meine Auffassung des perfekten Zusammenlebens war. Man konnte sich immer sehen und gemeinsame Zeit verbringen, hatte aber zu jeder Zeit noch sein eigenes, kleines Königreich, in dem der andere nichts zu melden hatte. Ob das ein Leben lang funktionieren kann? Keine Ahnung, wahrscheinlich eher nicht. Aber wer quittiert uns das? Es gibt sicherlich Menschen, die auf genau diese Weise glücklich geworden sind und kein Interesse daran haben, den anderen ins eigene Königreich einzugemeinden.

badezimmer_public-domainIch wurde übrigens nicht im Königreich meines Freundes aufgenommen, ich habe es direkt annektiert. Endlich eines dieser Paar-Klischees, die wir zu 100 % erfüllen. Sinnbild für die Territorialpolitik der Frau ist in meinen Augen der Badezimmerschrank. Manchmal schleichend, manchmal blitzkriegartig wird dieser ohne Rücksicht auf Verluste von der weiblichen Spezies eingenommen. Strategie und Taktik sind hierbei ebenso wichtig wie Durchsetzungskraft und Bestimmtheit. Nichts passt besser zu diesem geschlechterspezifischen Verhalten als der Spruch: „A Man’s Home is his Castle – until the Queen arrives“. Punkt Eins auf der Übernahme-Agenda: Genügend Platz für Shampoo, Styling-Produkte und Tampons schaffen!

Ähnlich verhält es sich mit Stellflächen, die von der Dame des Hauses gern als Deko-Drapier-Areal genutzt werden – zum Leid und Unverständnis des Liebsten. Mein Freund war so clever, seine Wohnung so einzurichten, dass der Platz für Kerzen, Vasen und Co. gegen Null geht. Geschickter Schachzug, mein Lieber – als hättest du gewusst, was dich erwartet. Auch wenn ich schon bald nach dem Einzug an die Grenzen meiner Dekorations-Möglichkeiten kam, gelang es mir jedoch, hie und da ein Teelichtglas und meine beiden geliebten Matroschkas aufzustellen. So schnell gebe ich mich nämlich nicht geschlagen! Wäre ich in der Lage dazu, würde ich sogar ein Regel an die Wand schrauben, nur um allerhand unnötigen, aber schönen Nippes darauf zu platzieren – womit wir bei meinen handwerklichen Defiziten wären, die an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden sollen.

„Wer das Abenteuer Zusammenziehen wagt, sollte nicht von Anfang an die Befürchtung haben, dass es anstrengend wird – denn dann wird es mit großer Sicherheit extrem anstrengend!“

Wer sich stattdessen keinen Stress macht und eigene Regeln aufstellt, hat tatsächlich die reelle Chance, eine ziemlich coole WG mit gewissen Vorzügen zu gründen. Wichtigstes Kriterium: Jeder muss bereit sein, auch mal Kompromisse einzugehen – beispielsweise bei der Verteilung der Flächen im Badezimmer-Schrank.

 

Jessika_feels-like-love-1

Kolumne „Feels like Liebe“
von unserer Gastautorin
Jessika Fichtel von „Feels like Erfurt“