„Literarischer Aufguss“? Tom Meusert erklärt, wie Bücher und Sauna zusammen passen

Einmal im Monat ist es soweit: immer am letzten Sonntag werden zwischen 12:30 und 18:00 Uhr verschiedene literarische Leckerbissen in der Sauna präsentiert. Was verbirgt sich genau dahinter? Tom Meusert, der literarische Aufgießer in Bad Orb, stellt sich und seinen Arbeitsplatz vor:

 

„Nehme ich das violette oder das braune Badetuch?“ frage ich mich. „Lieber das violette, das ist etwas rauer, das rutscht nicht so leicht!“

…und das ist wichtig: denn ich werde gleich die Badehose ausziehen und das violette Tuch elegant um den Bauchansatz legen, um es dann mit dem überstehenden Rest zwischen sich selbst und meinem Bauchansatz zu verklemmen. So kann ich mich ganz unverklemmt, nackt und doch mit einem Baderöckchen bekleidet in einer Räumlichkeit bewegen, die sich Landschaft nennt und zu einer Sauna gehört. Ich bin hier, um in dieser minimalen Verkleidung Literatur zu Gehör zu bringen.

 

Es ist Sonntag, die Mittagszeit knapp vorbei und für 12 Uhr 30 habe ich das erste Treffen mit meinem Publikum.

Die Saunalandschaft ist gefliest, der Boden ist feucht, am Besten läuft man in Latschen und lässt den Blick teilnahmslos interessiert über alle Anblicke hinweg gleiten.

Ich habe einen Hinweis für mein Angebot in die Landschaft gestellt. Zwischen zwei Metallständer habe ich eine große Tafel gehängt. Auf der Tafel sind die Zeiger einer Uhr montiert. Das Ziffernblatt wird von den karrikierten Köpfen literarischer Größen markiert. Die Uhr steht auf 30 nach Goethe oder aber auch halb Böll. Die wirkliche Uhr zeigt noch fünf Minuten bis Buffalo.

Ich streife meine Latschen von den Füßen und betrete einen mittels einer Glastür vom flanierenden Publikum getrennten Raum, der mich mit angenehmen 35 Grad über dem Gefrierpunkt empfängt. Blaue Mosaikfliesen vom Boden bis zur Decke und rundum an den Wänden eine Gelegenheit zum Sitzen. In der Mitte des Raumes ein Holzregal mit ovaler Abdeckplatte. In den Regalfächern Bücher, über den Sitzplätzen kleine Lampen, die sich einzeln schalten lassen, wenn man etwas lesen möchte.

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Ich bin im „Lektarium“ der Toskana Therme in Bad Orb und setze mich auf meinen Arbeitsplatz – gleich vorne rechts. Von da ist die Akustik am Besten.

Meinen Wecker habe ich schon neben mich gestellt, damit ich nicht zu lange mache – um eins beginnt nebenan in der finnischen Sauna der Aufguss mit Citrus und Orange – bis dahin muss ich den literarischen Aufguss beendet haben.

„Lektarium“ und „literarischer Aufguss“- zwei Wortschöpfungen, die nur am richtigen Ort Sinn machen. Jeden letzten Sonntag im Monat ist die Saunalandschaft der Toskana Therme jener richtige Ort.

Ich begrüße die ersten Gäste, die das Lektarium betreten. Manche lagern sich sofort gekonnt waagerecht, andere haben ordentlich die Hände auf den Knien und auch das übergeschlagene Bein wird gepflegt. So gut wie pünktlich bitte ich, von der Bahnsteigkante zurückzutreten, die Augen zu schließen und während der Fahrt die Ohren zu öffnen.

 

Das kommende Ereignis ist eine Hörung, und da gilt es, ganz Ohr zu sein.

Um Fahrt aufzunehmen verrate ich zunächst etwas über den Urheber der gedruckten Zeilen, ich plaudere ein weniges über den Gang der Geschichte und erst wenn ich merke, dass alle gut sitzen schleiche in mich in den Text, den ich mir und meinem Publikum dann vortrage.

Den Wecker habe ich mit dem linken Auge erfasst und wenn die finnische Sauna ruft bringe ich die Hörung zum Stillstand. Oft will niemand aufstehen. Der Eine nicht, weil er schläft, der Andere nicht, weil er noch hören möchte.

Der Eine und der Andere, weil sie die Zeit vergessen haben. Aber die Fortsetzungen folgen, immer um „halb“, bis zum letzten literarischen Aufguss des Tages um 17:30 Uhr.

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