Public Knutsching – oder: Muss das sein!?

Ich versuche mal, es diplomatisch auszudrücken: Menschen, die sich in der Öffentlichkeit küssen, sind mir suspekt. Und ich meine damit jetzt nicht diese Bussibussi-Pärchen, sondern solche, deren Beschleunigung beim Küssen einem Porsche Konkurrenz machen kann. Von Null auf Zunge im Hals in weniger als 2 Sekunden. Meine Frage an alle, die sich bereits an diesem frühen Punkt meiner Kolumne wiedererkennen: Muss das sein?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber StudiVZ, DAS Social Network der 00er Jahre, hat mein Leben so nachhaltig geprägt, dass ich noch heute davon profitiere. In scheinbar jeder Situation fällt mir eine dieser Gruppen ein, in die wir alle nur eingetreten sind, um unserem Profil einen Hauch von Pseudo-Witzigkeit zu verleihen. Da gab es so kurzweilige und geistreiche Titel wie „Na, war wieder Schminke in der Wendy?“ oder „Ich hab zwar Alzheimer aber wenigstens hab ich kein Alzheimer“. Und, gelacht? Kein Problem, ich könnt mich auch schon wieder wegschmeißen und stehe kurz davor, in Erinnerungen an die gute alte Zeit im StudiVZ zu schwelgen. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Eine der beliebtesten Gruppen im VZ (zumindest entspricht dies meiner Wahrnehmung) war „Bin mal kurz weg, glückliche Pärchen im Park vergiften“. An dieser Stelle sei ausdrücklich betont, dass ich zu keiner Zeit Mitglied dieser Gruppe war. Trotzdem kam mir der Titel in den Sinn, als ich über das Thema „Küssen in der Öffentlichkeit“ nachgedacht habe – nicht zuletzt auch, weil ich meine, mich zu erinnern, dass diese Gruppe ziemlich viele Mitglieder hatte.

Bin ich altmodisch… oder gar verklemmt?

Es geht um Paare, die scheinbar so unfassbar glücklich sind, dass sie sich in der Öffentlichkeit einfach nicht zusammenreißen können. Die einen nennen es romantisch, ich nenne es unhöflich. Denn eines steht fest: Zu sehen, wie sich fremde Menschen gegenseitig ihr Mittagessen mit der Zunge aus den Zähnen pulen, bewirkt nicht, dass ich ein spontanes Freuden-Tänzchen hinlege. Im Gegenteil. Es irritiert mich dermaßen, dass ich immer wieder versuche, zu verstehen, warum diese Menschen das tun. Natürlich: Sie küssen, weil sie sich lieben. Aber ich liebe meinen Freund auch und würde nie auf die Idee kommen, ihn in aller Öffentlichkeit zu verspeisen. Bin ich vielleicht einfach nur altmodisch? Oder verklemmt? Oder nennt man das Anstand? Ich weiß es wirklich nicht!

Um herauszufinden, ob ich mit meiner Sicht auf die Dinge allein dastehe oder eine treue Gefolgschaft entschiedener Public Knutsching-Gegner um mich scharen kann, habe ich mich der Möglichkeiten der derzeitig aktuellen sozialen Medien bedient. Meine spontane Twitter-Umfrage fiel erwartungsgemäß verhalten aus (Was muss man eigentlich tun, um die mal aus der Reserve zu locken?!?) und brachte mich zugegebenermaßen keinen Schritt weiter.

Dann eben doch googlen. Auch hier wurden all meine Erwartungen erfüllt: Die Suchmaschine leitete mich zielsicher zu einem (ich nenne es mal) einschlägigen Frage-Antwort-Forum, das für seine (wahn-)witzigen User bekannt ist. Einer von ihnen, seinen Namen werde ich aus Pietät-Gründen nicht nennen, warf in einem themenaffinen Thread ein, dass sich nur „frustrierte Singles“ daran stören würden, wenn sich Paare in der Öffentlichkeit küssen.

Küssen verboten?!

Interessant! Von der Seite hatte ich es noch gar nicht betrachtet – was vielleicht daran liegt, dass ich weder frustriert noch Single bin. Was die Community jedoch weit mehr störte als die gewagte These des Users war dessen Alter. Der Bursche feierte jüngst seinen 15. Lenz und war damit in den Augen der meisten Leute in dem Forum schlichtweg zu jung fürs öffentliche Küssen. Also doch alles eine Frage des Alters? Ich war verwirrt. Für mich macht es keinen Unterschied, ob meine züngelnden, liebestollen Mitmenschen 15 oder 55 sind – ich will beides nicht sehen.

Ich habe mich mal gefragt, ob ich tatsächlich einfach nur neidisch bin, wenn ich einem züngelnden Paar in Aktion zugucke(n muss). Ich kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Nö. Wenn ich wöllte, könnte ich es ja auch machen – vorausgesetzt mein Freund rennt nicht weg, wenn ich ihm spontan die Zunge in den Hals stecke. Tatsächlich reizt mich gar nichts an dem Gedanken. Im Gegenteil: Ich will es den Leuten um mich herum nicht zumuten, mir beim Rumbeißen (benutzt man dieses Wort heute überhaupt noch?) – als gut: beim Küssen – zuzusehen. Die Zunge wird nur im heimischen Schlafzimmer ausgerollt… oder auf dem Küchentisch ;-)

Ein Gedanken-Experiment

Ich will es ja wirklich verstehen. Allein schon, weil ich mir wünsche, dass jeder Mensch auf dieser Welt seine Liebe und Sexualität so ausleben kann, wie es ihm oder ihr beliebt. Dazu gehört natürlich auch – dessen bin ich mir bewusst – das öffentliche (mit Zunge) küssen.

Vielleicht muss ich es einfach mal ausprobieren – auf einen öffentlichen Platz gehen und dem Freund filmreif die Zunge in den Hals stecken. Wer weiß, vielleicht finde ich es ja tatsächlich gut! Oder kann dann zumindest ansatzweise nachvollziehen, was die praktizierenden Public Kisser so sehr daran fasziniert. Ich meine … Sex in der Öffentlichkeit hat ja auch seinen ganz speziellen Reiz, den ich persönlich sehr ansprechend finde. Und da Küssen die Vorstufe von Sex ist, sollte ich es doch logischerweise eigentlich gut finden?

Okay, zugegeben, das alles ist sehr spekulativ. Ich bezeichne es daher einfach mal als Gedanken-Experiment. Meine Erkenntnis: Rein logisch betrachtet bin ich ein geheimer Fan des In-der-Öffentlichkeit-Küssens, der sein Outing noch vor sich hat. Das finde ich jetzt wirklich interessant, so habe ich es noch gar nicht betrachtet!

Eine erleuchtende Erkenntnis

Schlussendlich – und darauf kommt es doch an – ist es ja so, dass wir in einem freien Land leben, in dem jeder auf offener Straße zeigen kann, dass er einen anderen Menschen liebt – egal ob dieser das gleiche oder ein anderes Geschlecht hat.

Ich finde es nach wie vor unangenehm, wenn neben mir zwei Leute anfangen, sich wie wild abzuschlecken, aber das passiert ja auch (wenn ich ehrlich bin) nur einmal im Jahr – wenn’s hochkommt. Und wenn es dann doch einmal wieder soweit ist, hab ich ja immer noch zwei Möglichkeiten: Wegsehen oder meinen Freund küssen.

 

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